Lade Veranstaltungen

« Alle Veranstaltungen

RS In:Concert | 25 Jahre KREIDLER | H (Echokammer)

Mi_20.11, 20:00

Details

Datum:
Mi_20.11
Zeit:
20:00–23:30
Veranstaltungskategorien:
,

Veranstaltungsort

Rote Sonne
Maximiliansplatz 5
München, 80799 Deutschland
Website:
www.rote-sonne.com

Weitere Angaben

Abendkasse:
19€
VVK-Tickets:
16€ zzgl. VVK-Gebühren
Ticket Shop:
https://www.eventbrite.de/e/rs-inconcert-kreidler-tickets-73239851367
Weitere Info:
Doors 20 Uhr, Start 21 Uhr

●Kreidler *live
(Bureau B, Düsseldorf/Berlin)

Support: H   (Echokammer, München)

25 Jahre Kreidler!

EURYDIKE · CELERATION · NESINDANO · FLOOD I — IV · FLOOD V — so lauten Titel des jüngsten KREIDLER Albums. FLOOD heißt die Klammer, aber sie ist durchlässig. ANDERS CLAUSEN und HENRIK OLESEN haben eine Feder auf das Außencover montiert, A SHIP OF NO PORT auf das Innencover geschrieben. Strahlengelb eingefrorene Bewegung und grüngraue Verflüssigung. Natur und Konstrukt, ein Flattern. A ship of no ports, Anlegen will man nirgendwo — oder überall: a ship of many ports: öffnungen, Open Access, ausgebreitete Arme. Seid willkommen! Dieser Tanz ist Euer!

THOMAS KLEIN, ALEXANDER PAULICK, ANDREAS REIHSE und DETLEF WEINRICH hatten sich im Winter 2018 in Düsseldorf zu Aufnahmen getroffen, und diese dann in Sessions in Berlin ergänzt, unter anderem im LowSwing Studio von Guy Sternberg, wo KREIDLER bereits zuvor gearbeitet haben. Aus über einem Dutzend Ansätzen hat die Band acht Stücke herauskristallisiert, darunter — um in LP zu sprechen — mit FLOOD I — IV und FLOOD V ein Ensemble aus fünf Songs, das die gesamte zweite Seite des Albums einnimmt.

Aber noch einmal von vorne. Seite Eins (um weiterhin in LP zu sprechen) beginnt mit EURYDIKE, ein wohlfälliger Einstieg, ein sanftes Rollen mit einem leichten Raunen. Der griechischen Mythologie entlehnt, ist im Titel der Mechanismus der Zuwendung als Form des Abwendens eingeschrieben. Sich Narbenbildchen auf die Haut kleben, sich und andere belügen, über Leichen gehen, um Steine betören zu können. Wir mögen ihn hier nicht erwähnen, es ist nur ein Name und auch sein Geschlecht ist variabel; das Stück heisst EURYDIKE: das wehmütige Saxofon, das leichte Zittern im Sound, die Bässe sprechen von ihrem Aufwachen aus Ent-Täuschung — von ihrer Trauer, wie ein Blick zurück kein Sich-Versichern ist, kein Verstärken eines gemeinsamen nach vorne Schreitens, sondern nur ein den Anderen, das Gegenüber aus dem Bild stoßen, um es selbst in giftiger Herrlichkeit zu füllen. Das Stück beschreibt wie EURYDIKE ihre gewaltsame Verabschiedung in einen Sieg verwandelt, mit der leisen Gewissheit, dass sie nie vergessen werden wird.

»Hvis man mildner hjertet i rette tid
Og ikke vil dæmme op for den rasende strøm med vold«
(A&W, Prometheus.nu, Okeanos Scene, Betty Nansen Teatret, Copenhagen)

CELERATION, das zweite Stück, beschleunigt. Oder so scheint es, denn nehmen wir es einmal ganz genau, tatsächlich wird das Tempo von EURYDIKE gehalten. Die Klangwelt wird schärfer, der Rhythmus knarziger, das Rollen energischer, die Sequenz verlangt nach einem Opfer. Wind bricht ab, Snare schlägt ein, eine Melodie erhebt sich aus einem dunklen Grollen, Gespenster kreisen über der Stadt, ein schwerer gelber Güterzug drängt vorbei.

»You can’t stop running water«
(The Neville Brothers, Sons & Daughters)

Als drittes: Ein Schlenkern, ein Trippeln, ein Viertelschritt: NESINDANO. Die Stimme, die wir hören, ist die von KHOES alias Nesindano Namises; die Sprache, die wir hören, ist Khoekhoe/ Damara. Ein Gong, eine CR-78 gesellt sich dazu, ein Schnalzen, Worte flattern, ein Bass braazt, die Stimme schwingt sich auf zur Hookline, ein FM-Synthesizer nimmt sie mit. Perkussion rasselt. Agit-Pop!, ein Aufruf zum Tanz mit den Gewalten, ein Tanz gegen die Gewalt: »sida huada, ti a, sa« = Alles ist unseres, meins und deins!
Ein Schlenkern, ein Trippeln, ein Viertelschritt, eine Verbeugung. FLOOD.

»I won’t be entertaining guests / When my house is flooded mess«
(Mashrou‘ Leila, Falyakon)

Sollen wir über Fluten sprechen, wenn der Fluss im überfluss über das Ufer tritt, wo des einen Mangel des anderen Zuviel ist oder wird. FLOOD I — IV spricht nicht von Bescheidung oder Demut, es spricht davon, immer das Maximale zu fordern, auch von sich, an sich, und das heißt: auch zu geben, und jede*r möge seine Grenzen selbst setzen, und in dieser Forderung den Anderen zu respektieren und als Anderen anzunehmen, und wo er Hilfe braucht, zu unterstützen.

»Wir sitzen alle im selben Boot«
(D.J.)

RICARDO DOMENECK nimmt sich FLOOD II an und erinnert sich, hinausblickend aufs Meer in Brasilien, an ein Gespräch mit einem Geologen: die Füße im Sand, und wie in diesen paar Minuten doch jedes einzelne Korn einen Raum von Millionen von Jahren umspannt. Zermalmt aus Stein, ausgeschwemmt aus Fels, hinabgespült aus Bergen, Zeiten und Gezeiten. Die Sprache, die wir hören, ist portugiesisch.
FLOOD I — IV Synthesizer, Streicher, rostiges Schlagwerk, Gitarren treten in Dialog miteinander, ein gemeinschaftliches Verhandeln, schwellen an und ab, ein sich Duschen in transparenten Schichten, sie schlagen an Ufer, Köpfe rollen, ein Verflüssigen von Hierarchien nicht von Strukturen.
FLOOD IV ist ein Tanz, der in FLOOD V hinein fließt, dabei Instrumentierung und Stimmung mitnimmt und in einen Zustand zwischen leicht-elegischer Nachdenklichkeit und konzentriertem Denken überführt. In der Anmutung schlägt FLOOD V einen Bogen zu EURYDIKE, aber dieser Kreis ist nicht geschlossen, er expandiert, öffnet sich weit in alle Richtungen, und bietet Möglichkeiten an, anzudocken, weiterzumachen.

KREIDLER, diese vierköpfige Hydra einer Popmusik kontinentaler Prägung, die Bach, Disco, Postpunk, Club und Krautrock in wechselnden Anteilen in eleganter Leichtigkeit einfängt, erweitert sich auf FLOOD spielerisch um zwei renommierten Stimmen. Wir hören Sprache, Information. Und auch wenn wir sie zunächst vielleicht nicht verstehen, fühlen wir, dass dies Worte von Gewicht sind. Eine Emphasis dessen, worum es KREIDLER immer schon ging: der Bewegung von Körper — Hand in Hand mit der des Geistes.

(V. Luxemburgo)

H

Eine Wetterstation produziert Musik: Alle Antennen ausgefahren, gehen Baro- und Thermometer auf Peilung. Ein Mobile aus Klangrohren klimpert ein modales Hard-Bop-Pattern im Windkanal, im Dialog mit einem röhrenden Käuzchenruf und rhythmisch aufschlagenden Hagelkörnern …Was ist denn das für eine Drohkulisse? Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Natur ist im Argen, oder spielen die Messgeräte verrückt? Das ist jedenfalls kein Käuzchenruf, wie wir ihn kennen. Das Käuzchen ist böse, es hat Hunger! Höhenluft hilft. Höhensonne auch. Oder … ein bisschen Vitaminologie.

Natürlich ist alles ganz anders. Die vermeintliche Wetterstation ist die Echokammer, ein von Albert Pöschl betriebenes Studio-Biotop in München Giesing. Dorthin begaben sich Leo Hopfinger alias LeRoy und Tom Simonetti alias mycrotom, um an neuen Tracks für ihr Indie-DiscoWildstyle-Duo Rhytm Police zu arbeiten … und dabei passierte einer jener glücklichen Unfälle, von denen Wissenschaftler immer schwärmen, wenn sie wider Erwarten auf eine bislang unbekannte Substanz stoßen. So, wie sich Pöschls Namensvetter Albert Hofmann im Selbstversuch die Pforten der Wahrnehmung öffneten, stießen die drei Laboranten Hopfinger/Pöschl/Simonetti auf das Element „H“, um es im Spaltprozess einer isolierten Verdichtung aus der Rhytm Police herauspurzeln zu sehen – hatte nicht dort, über das zehnjährige Bestehen des Bandnamens hinweg, doch immer schon ein „H“ gefehlt? Nun also, H ist da, und mit dem alten Namen fällt gleich mal die Disco-Party weg: H ist Teilchenphysik für den Chill-Out-Room. Genre: Natur&Technik. Musikalisches Wetterleuchten!

https://www.echokammer.de/mp3/Im_Keller.mp3

https://taz.de/picture/3683936/948/H_Bandfoto.jpeg