(Click here for Eng­lish version)

Ein Flim­mern.

Fla­ckern­de Punk­te und For­men in den Augen. Strei­fen aus Licht, die unstet durchs Blick­feld mäan­dern. Ein röt­li­cher Schim­mer, unauf­hör­lich in schnel­lem Takt pul­sie­rend. Ein wabern­des Far­ben­ge­wit­ter hin­ter geschlos­se­nen Augen­li­dern, ver­bun­den durch kur­ze Momen­te der Schwärze.

Ein. Aus.
Ein. Aus.
Ein. Aus.

Has­ti­ge Atem­zü­ge. Pum­pen­de Lun­gen im Ver­such, dem wum­mern­den Takt der schwe­ren Luft zu fol­gen. Beben­de Nasen­flü­gel, durch die der kom­pri­mier­te Dampf von Schweiß, Rauch und geleb­ter Jugend in die Kör­per gezo­gen wird.

Per­len.

Ein Meer aus Schweiß­trop­fen auf Häu­ten, gewo­ben zu Decken aus Feuch­tig­keit, getra­gen durch den Raum, von Umriss zu Umriss, von Gestalt zu Gestalt. Per­len, trop­fend von Decken, wan­dernd, her­ab an Hän­gen aus Kunst­stoff und Glas.

Beats.

Ein unab­läs­si­ges Wum­mern in der Luft. Wuch­ti­ge akus­ti­sche Schlä­ge, ein ste­tes Trom­mel­feu­er an Sounds, das in uner­müd­li­chem Stak­ka­to das Tem­po der Nacht in Sze­ne setzt. Vibrie­ren­de Pegel aus Schall, die den Raum, die Kör­per und die Zeit gna­den­los in eine fes­te Form zwin­gen, um die­se gleich wie­der aus­ein­an­der zu rei­ßen und neu zusam­men zu setzen.

Es ist eine Sams­tag­nacht im Jahr 2021. Oder viel­leicht auch 1991?

Man weiß es nicht. Viel­leicht spielt es auch kei­ne all­zu gro­ße Rol­le. Für die Musik spielt es auf jeden Fall kei­ne. Ihr ist es egal, wo wir sie als Zuschau­en­de, oder viel­mehr Zuhö­ren­de, hin defi­nie­ren wol­len. Für die jewei­li­ge Zeit jedoch, in der die Musik statt­ge­fun­den hat bzw. statt­fin­det, spielt die Musik durch­aus eine wesent­li­che Rol­le. Eine Musik, die in ihrer theo­re­ti­schen, künst­le­ri­schen, kul­tu­rel­len Dimen­si­on im Lau­fe der ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­te zwar eini­ge Wand­lun­gen in Wahr­neh­mung wie Zuschrei­bung erfah­ren haben mag, dabei in ihrem Kern jedoch die glei­che geblie­ben ist. (Fight us on this!)

Lang bevor elek­tro­ni­sche Club­mu­sik, lang bevor „Tech­no“, bevor „House“, Ein­zug gehal­ten haben in unge­zähl­te Spo­ti­fy-Play­lis­ten, Wer­be­spots inter­na­tio­na­ler Kon­zer­ne und Semi­nar­räu­me gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Insti­tu­te, gab es hier, in der nörd­lichs­ten Stadt Ita­li­ens, bereits einen klei­nen Kreis von Men­schen, die die­ser Musik eine der­art signi­fi­kan­te Bedeu­tung in ihren eige­nen Bio­gra­fien und ihrem All­tag gege­ben haben, dass die­se sich auf deren Schul­tern und Werk über die Jah­re zu eben­je­ner Musik­kul­tur ent­wi­ckeln konn­te, mit und in der wir heu­te leben .

Mit Über­zeu­gung, Lei­den­schaft und der uner­läss­li­chen Pri­se Wahn­sinn im Blut haben sie sich in ein Pro­jekt gestürzt, des­sen Fol­gen sie viel­leicht nicht in ihrer Gän­ze vor­her­ge­se­hen, aber des­sen Not­wen­dig­keit und Poten­ti­al sie defi­ni­tiv in ihren Kno­chen gespürt hatten.

Ein Pro­jekt, das sei­nen Anfang in einem unschein­ba­ren Gebäu­de in Ober­föh­ring, einer klei­nen, an der Nord­gren­ze Mün­chens anlie­gen­den Gemein­de nahm, von wo aus es inner­halb weni­ger Jah­re For­men und Aus­ma­ße anneh­men soll­te, die man sich bei bes­tem Wil­len und visio­närs­tem Blick nicht hät­te aus­ma­len können.

Besag­tes Gebäu­de, eine unschein­ba­re Bara­cke auf einem ehe­ma­li­gen Laza­rett­ge­län­de der in den Nach­we­hen des Zwei­ten Welt­kriegs in Bay­ern sta­tio­nier­ten US-Trup­pen, fir­mier­te damals – vor sei­ner Zeit als „Kafe Kult“, als wel­ches es manch einem heu­te bes­ser bekannt sein dürf­te – als „Kul­tur­sta­ti­on“ und hat­te von der Mit­te der 1980er-Jah­re an bereits für eine Rei­he sub­kul­tu­rel­ler Spek­ta­kel mehr als bereit­wil­lig Pate gestanden.

Im Herbst 1991 soll­te dann ein wei­te­res das Licht der Welt erbli­cken. Ein Spek­ta­kel, wel­ches mit Blick auf die bis dato – und auch seit­her – stark auf Punk, Hard­core & ande­re Gitar­ren-las­ti­ge Musik aus­ge­rich­te­te Sound­pa­let­te der Kul­tur­sta­ti­on eine Zäsur für die­se bedeu­ten soll­te. Und mit Blick auf die kom­men­den Jah­re ehr­li­cher­wei­se nicht bloß für den Laden, son­dern viel­mehr für die Stadt.

Die Geburts­stun­de der „Ultra­world“.

Ener­gie­ge­la­den und frisch inspi­riert von einem Besuch im „Tre­sor“, eben­je­ner noch heu­te agie­ren­den Sound­in­sti­tu­ti­on der damals frisch geba­cke­nen Bun­des­haupt­stadt, wo sie eine nach­hal­tig prä­gen­de Nacht zu den Mixing-Küns­ten von Jeff Mills und Bla­ke Bax­ter ver­bracht hat­ten, mach­ten sich unse­re zwei Hauptprotagonist*innen, Upstart* & Dor­le*, an die Auf­ga­be, das dort Gese­he­ne & Gehör­te dies­seits der Isar zu tra­gen und auch hier im Her­zen der baye­ri­schen Haupt­stadt erleb­bar zu machen und eine Hei­mat zu geben.

Gemein­sam mit der von Dirk von Lowt­zow als „Nana Mousku­ri des deut­schen House“ besun­ge­nen Char­lot­te Gol­ter­mann und Her­bert X schlu­gen sie ihre musi­ka­li­schen Wur­zeln in die bereit­ge­stell­te Flä­che der Kul­tur­sta­ti­on und schu­fen mit Herz­blut und purem Wil­len etwas, aus dem schließ­lich einer der Grund­stei­ne der elek­tro­ni­schen Musik­sze­ne Mün­chens erwach­sen soll­te. Eine Tat­sa­che, die den Betei­lig­ten zu gege­be­nem Zeit­punkt viel­leicht noch nicht wirk­lich bewusst war. Und sei­en wir mal ehr­lich — eine Grup­pe jun­ger Men­schen, die gemein­sam ihre Pas­si­on für eine neue Musik aus­le­ben will? Klingt nicht all­zu bahn­bre­chend, oder?

War es aber doch. In einer Stadt, in einer Jugend, die gera­de im Begriff war, von einer Serie aus abeb­ben­dem Dis­co Fever, durch­ge­nu­del­ter Neu­er Deut­scher Wel­le und infla­tio­när durchs Radio quä­ken­den melo­di­schen Syn­thie-Hym­nen mit­ten in eines der sünd­haf­tes­ten Jahr­zehn­te der pop­mu­si­ka­li­schen His­to­rie zu tau­meln (Euro­trash galo­re!), an eine Musik zu den­ken, die nicht in mol­li­gen, Pathos-durch­tränk­ten Har­mo­nien und aus­tausch­ba­ren Lyrics ersäuft; in einem Laden, in dem der Otto-Nor­mal-Gast Musik, die nicht voll­stän­dig aus infer­na­lisch durch­ge­peitsch­ten Gitar­ren­riffs und aus dem Brust­ton der selbst­ge­rech­ten Über­zeu­gung her­aus sys­tem­ver­dam­men­den Tex­ten bestand, ohne­hin schon miss­trau­isch beäugt wur­de, an eine Musik zu den­ken, die aus qua­si gar kei­nen natür­li­chen Instru­men­ten, geschwei­ge denn Tex­ten mehr besteht; und dann noch die Chuz­pe zu besit­zen, aus dem Gan­zen eine anschluss­fä­hi­ge loka­le Musik­kul­tur schaf­fen zu wol­len… gewagt, will man meinen.

Ein Wag­nis, dass das Quar­tett nur all­zu gern ein­ge­gan­gen ist. Und eines, das sich bezahlt gemacht hat. Bewaff­net nur mit einer Hand­voll Hel­ler und Pfen­ni­gen, den neu­es­ten Lie­fe­run­gen aus dem Fun­dus des „Opti­mal“ – dem iko­ni­schen Schall­plat­ten­la­den im Münch­ner Glo­cken­bach, den Upstart 1982 gegrün­det hat­te – und einer Ton­ne vol­ler Ideen, mach­ten sich die Vier auf, die­ser Musik, die damals noch so neu war, so schwer in Wor­te zu fas­sen, eine Hei­mat zu geben.

Und so wur­de unter der musi­ka­li­schen Feder­füh­rung von Upstart und den krea­ti­ven Augen von Dor­le und Char­lot­te die Kul­tur­sta­ti­on ein­mal im Monat von einem bier­si­f­fi­gen Ver­schlag ver­wan­delt in einen Raum jen­seits des­sen, was sich Otto-Normal-Diskogänger*innen zu der Zeit optisch wie akus­tisch vor­zu­stel­len ver­moch­ten. Die Ultra­world leb­te eben nicht allein von dem Sound, so neu, reiz­voll und revo­lu­tio­när die­ser auch war. Die Ultra­world war ein ästhe­ti­sches Gesamt­kon­zept, ein Erleb­nis­park der Sin­ne. Opti­sche, akus­ti­sche, hap­ti­sche Wel­ten, kom­pri­miert auf die­se weni­gen Qua­drat­me­ter im Her­zen einer Grün­an­la­ge im Nor­den Mün­chens, und erleb­bar nur in die­ser einen beson­de­ren Nacht im Monat. Und das trotz der damals gän­gi­gen Sperr­stun­de um 3 – all night long. Die Wil­li­gen wie Ein­ge­weih­ten, die ihren Weg zur Kul­tur­sta­ti­on fan­den, erwar­te­ten im Inne­ren alles von gigan­ti­schen Foto­col­la­gen aus aus­sor­tier­ten Kunst­fo­to­gra­fien über voll­de­ko­rier­te Wäl­der aus Christ­bäu­men, von gerupf­ten Vögeln an den Decken zu aus­ufern­den Dschun­gel­plan­ta­gen. Das für jedes Mal neu ent­wor­fe­ne, ein­zig­ar­ti­ge Inte­ri­eur der Ultra­world ver­moch­te jeden Zuschau­en­den in sei­nen ganz eige­nen Bann zu zie­hen. Ein Bann, der sei­ne vol­le Wir­kung natür­lich nur in Ver­bin­dung mit dem Sound entwickelte.

Dem neu­en Sound der neu­en Stun­de – Techno.

Die­se Musik, die man vor­her so nicht gekannt hat­te. Die man noch nicht so recht ver­stand. Die man mit dem Kopf auch nicht wirk­lich ver­ste­hen muss­te, weil ihre Wir­kung so oder so ent­stand. Die­se Musik, deren per­for­ma­ti­ve Wirk­macht bis heu­te nichts an Inten­si­tät ver­lo­ren hat. Mit die­ser ihr inne­woh­nen­den Fähig­keit, aus end­los schei­nen­der Repe­ti­ti­on und der schie­ren Wucht ihrer Laut­stär­ke bei ihrer Zuhö­rer­schaft einen Zustand zu schaf­fen irgend­wo zwi­schen Eksta­se und Medi­ta­ti­on, zwi­schen völ­li­ger Ent­hemmt­heit und abso­lu­ter inne­rer Ruhe. Und das mit nicht viel mehr als einer Bass­drum, ein paar High-Hats und einer Snare.

Die­se Magie ein­zu­fan­gen, in den Moment zu ban­nen, und sie über eine gan­ze Nacht zu zie­hen, das haben seit­her schon vie­le geschafft. Aber dort in der Kul­tur­sta­ti­on, das war einer der Orte, wo es mit ange­fan­gen hat. In einer klei­nen Bara­cke in Ober­föh­ring, mit nicht viel mehr aus­ge­stat­tet als einem Mixer, zwei Plat­ten­spie­lern, ´ner wuch­ti­gen PA, einer Nebel­ma­schi­ne und ein paar Stro­bos. Und ganz ehr­lich – was braucht es auch groß­ar­tig mehr?

[Fort­set­zung folgt…]

(Click here for Eng­lish version)

Ein Flim­mern.

Fla­ckern­de Punk­te und For­men in den Augen. Strei­fen aus Licht, die unstet durchs Blick­feld mäan­dern. Ein röt­li­cher Schim­mer, unauf­hör­lich in schnel­lem Takt pul­sie­rend. Ein wabern­des Far­ben­ge­wit­ter hin­ter geschlos­se­nen Augen­li­dern, ver­bun­den durch kur­ze Momen­te der Schwärze.

Ein. Aus.
Ein. Aus.
Ein. Aus.

Has­ti­ge Atem­zü­ge. Pum­pen­de Lun­gen im Ver­such, dem wum­mern­den Takt der schwe­ren Luft zu fol­gen. Beben­de Nasen­flü­gel, durch die der kom­pri­mier­te Dampf von Schweiß, Rauch und geleb­ter Jugend in die Kör­per gezo­gen wird.

Per­len.

Ein Meer aus Schweiß­trop­fen auf Häu­ten, gewo­ben zu Decken aus Feuch­tig­keit, getra­gen durch den Raum, von Umriss zu Umriss, von Gestalt zu Gestalt. Per­len, trop­fend von Decken, wan­dernd, her­ab an Hän­gen aus Kunst­stoff und Glas.

Beats.

Ein unab­läs­si­ges Wum­mern in der Luft. Wuch­ti­ge akus­ti­sche Schlä­ge, ein ste­tes Trom­mel­feu­er an Sounds, das in uner­müd­li­chem Stak­ka­to das Tem­po der Nacht in Sze­ne setzt. Vibrie­ren­de Pegel aus Schall, die den Raum, die Kör­per und die Zeit gna­den­los in eine fes­te Form zwin­gen, um die­se gleich wie­der aus­ein­an­der zu rei­ßen und neu zusam­men zu setzen.

Es ist eine Sams­tag­nacht im Jahr 2021. Oder viel­leicht auch 1991?

Man weiß es nicht. Viel­leicht spielt es auch kei­ne all­zu gro­ße Rol­le. Für die Musik spielt es auf jeden Fall kei­ne. Ihr ist es egal, wo wir sie als Zuschau­en­de, oder viel­mehr Zuhö­ren­de, hin defi­nie­ren wol­len. Für die jewei­li­ge Zeit jedoch, in der die Musik statt­ge­fun­den hat bzw. statt­fin­det, spielt die Musik durch­aus eine wesent­li­che Rol­le. Eine Musik, die in ihrer theo­re­ti­schen, künst­le­ri­schen, kul­tu­rel­len Dimen­si­on im Lau­fe der ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­te zwar eini­ge Wand­lun­gen in Wahr­neh­mung wie Zuschrei­bung erfah­ren haben mag, dabei in ihrem Kern jedoch die glei­che geblie­ben ist. (Fight us on this!)

Lang bevor elek­tro­ni­sche Club­mu­sik, lang bevor „Tech­no“, bevor „House“, Ein­zug gehal­ten haben in unge­zähl­te Spo­ti­fy-Play­lis­ten, Wer­be­spots inter­na­tio­na­ler Kon­zer­ne und Semi­nar­räu­me gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Insti­tu­te, gab es hier, in der nörd­lichs­ten Stadt Ita­li­ens, bereits einen klei­nen Kreis von Men­schen, die die­ser Musik eine der­art signi­fi­kan­te Bedeu­tung in ihren eige­nen Bio­gra­fien und ihrem All­tag gege­ben haben, dass die­se sich auf deren Schul­tern und Werk über die Jah­re zu eben­je­ner Musik­kul­tur ent­wi­ckeln konn­te, mit und in der wir heu­te leben .

Mit Über­zeu­gung, Lei­den­schaft und der uner­läss­li­chen Pri­se Wahn­sinn im Blut haben sie sich in ein Pro­jekt gestürzt, des­sen Fol­gen sie viel­leicht nicht in ihrer Gän­ze vor­her­ge­se­hen, aber des­sen Not­wen­dig­keit und Poten­ti­al sie defi­ni­tiv in ihren Kno­chen gespürt hatten.

Ein Pro­jekt, das sei­nen Anfang in einem unschein­ba­ren Gebäu­de in Ober­föh­ring, einer klei­nen, an der Nord­gren­ze Mün­chens anlie­gen­den Gemein­de nahm, von wo aus es inner­halb weni­ger Jah­re For­men und Aus­ma­ße anneh­men soll­te, die man sich bei bes­tem Wil­len und visio­närs­tem Blick nicht hät­te aus­ma­len können.

Besag­tes Gebäu­de, eine unschein­ba­re Bara­cke auf einem ehe­ma­li­gen Laza­rett­ge­län­de der in den Nach­we­hen des Zwei­ten Welt­kriegs in Bay­ern sta­tio­nier­ten US-Trup­pen, fir­mier­te damals – vor sei­ner Zeit als „Kafe Kult“, als wel­ches es manch einem heu­te bes­ser bekannt sein dürf­te – als „Kul­tur­sta­ti­on“ und hat­te von der Mit­te der 1980er-Jah­re an bereits für eine Rei­he sub­kul­tu­rel­ler Spek­ta­kel mehr als bereit­wil­lig Pate gestanden.

Im Herbst 1991 soll­te dann ein wei­te­res das Licht der Welt erbli­cken. Ein Spek­ta­kel, wel­ches mit Blick auf die bis dato – und auch seit­her – stark auf Punk, Hard­core & ande­re Gitar­ren-las­ti­ge Musik aus­ge­rich­te­te Sound­pa­let­te der Kul­tur­sta­ti­on eine Zäsur für die­se bedeu­ten soll­te. Und mit Blick auf die kom­men­den Jah­re ehr­li­cher­wei­se nicht bloß für den Laden, son­dern viel­mehr für die Stadt.

Die Geburts­stun­de der „Ultra­world“.

Ener­gie­ge­la­den und frisch inspi­riert von einem Besuch im „Tre­sor“, eben­je­ner noch heu­te agie­ren­den Sound­in­sti­tu­ti­on der damals frisch geba­cke­nen Bun­des­haupt­stadt, wo sie eine nach­hal­tig prä­gen­de Nacht zu den Mixing-Küns­ten von Jeff Mills und Bla­ke Bax­ter ver­bracht hat­ten, mach­ten sich unse­re zwei Hauptprotagonist*innen, Upstart* & Dor­le*, an die Auf­ga­be, das dort Gese­he­ne & Gehör­te dies­seits der Isar zu tra­gen und auch hier im Her­zen der baye­ri­schen Haupt­stadt erleb­bar zu machen und eine Hei­mat zu geben.

Gemein­sam mit der von Dirk von Lowt­zow als „Nana Mousku­ri des deut­schen House“ besun­ge­nen Char­lot­te Gol­ter­mann und Her­bert X schlu­gen sie ihre musi­ka­li­schen Wur­zeln in die bereit­ge­stell­te Flä­che der Kul­tur­sta­ti­on und schu­fen mit Herz­blut und purem Wil­len etwas, aus dem schließ­lich einer der Grund­stei­ne der elek­tro­ni­schen Musik­sze­ne Mün­chens erwach­sen soll­te. Eine Tat­sa­che, die den Betei­lig­ten zu gege­be­nem Zeit­punkt viel­leicht noch nicht wirk­lich bewusst war. Und sei­en wir mal ehr­lich — eine Grup­pe jun­ger Men­schen, die gemein­sam ihre Pas­si­on für eine neue Musik aus­le­ben will? Klingt nicht all­zu bahn­bre­chend, oder?

War es aber doch. In einer Stadt, in einer Jugend, die gera­de im Begriff war, von einer Serie aus abeb­ben­dem Dis­co Fever, durch­ge­nu­del­ter Neu­er Deut­scher Wel­le und infla­tio­när durchs Radio quä­ken­den melo­di­schen Syn­thie-Hym­nen mit­ten in eines der sünd­haf­tes­ten Jahr­zehn­te der pop­mu­si­ka­li­schen His­to­rie zu tau­meln (Euro­trash galo­re!), an eine Musik zu den­ken, die nicht in mol­li­gen, Pathos-durch­tränk­ten Har­mo­nien und aus­tausch­ba­ren Lyrics ersäuft; in einem Laden, in dem der Otto-Nor­mal-Gast Musik, die nicht voll­stän­dig aus infer­na­lisch durch­ge­peitsch­ten Gitar­ren­riffs und aus dem Brust­ton der selbst­ge­rech­ten Über­zeu­gung her­aus sys­tem­ver­dam­men­den Tex­ten bestand, ohne­hin schon miss­trau­isch beäugt wur­de, an eine Musik zu den­ken, die aus qua­si gar kei­nen natür­li­chen Instru­men­ten, geschwei­ge denn Tex­ten mehr besteht; und dann noch die Chuz­pe zu besit­zen, aus dem Gan­zen eine anschluss­fä­hi­ge loka­le Musik­kul­tur schaf­fen zu wol­len… gewagt, will man meinen.

Ein Wag­nis, dass das Quar­tett nur all­zu gern ein­ge­gan­gen ist. Und eines, das sich bezahlt gemacht hat. Bewaff­net nur mit einer Hand­voll Hel­ler und Pfen­ni­gen, den neu­es­ten Lie­fe­run­gen aus dem Fun­dus des „Opti­mal“ – dem iko­ni­schen Schall­plat­ten­la­den im Münch­ner Glo­cken­bach, den Upstart 1982 gegrün­det hat­te – und einer Ton­ne vol­ler Ideen, mach­ten sich die Vier auf, die­ser Musik, die damals noch so neu war, so schwer in Wor­te zu fas­sen, eine Hei­mat zu geben.

Und so wur­de unter der musi­ka­li­schen Feder­füh­rung von Upstart und den krea­ti­ven Augen von Dor­le und Char­lot­te die Kul­tur­sta­ti­on ein­mal im Monat von einem bier­si­f­fi­gen Ver­schlag ver­wan­delt in einen Raum jen­seits des­sen, was sich Otto-Normal-Diskogänger*innen zu der Zeit optisch wie akus­tisch vor­zu­stel­len ver­moch­ten. Die Ultra­world leb­te eben nicht allein von dem Sound, so neu, reiz­voll und revo­lu­tio­när die­ser auch war. Die Ultra­world war ein ästhe­ti­sches Gesamt­kon­zept, ein Erleb­nis­park der Sin­ne. Opti­sche, akus­ti­sche, hap­ti­sche Wel­ten, kom­pri­miert auf die­se weni­gen Qua­drat­me­ter im Her­zen einer Grün­an­la­ge im Nor­den Mün­chens, und erleb­bar nur in die­ser einen beson­de­ren Nacht im Monat. Und das trotz der damals gän­gi­gen Sperr­stun­de um 3 – all night long. Die Wil­li­gen wie Ein­ge­weih­ten, die ihren Weg zur Kul­tur­sta­ti­on fan­den, erwar­te­ten im Inne­ren alles von gigan­ti­schen Foto­col­la­gen aus aus­sor­tier­ten Kunst­fo­to­gra­fien über voll­de­ko­rier­te Wäl­der aus Christ­bäu­men, von gerupf­ten Vögeln an den Decken zu aus­ufern­den Dschun­gel­plan­ta­gen. Das für jedes Mal neu ent­wor­fe­ne, ein­zig­ar­ti­ge Inte­ri­eur der Ultra­world ver­moch­te jeden Zuschau­en­den in sei­nen ganz eige­nen Bann zu zie­hen. Ein Bann, der sei­ne vol­le Wir­kung natür­lich nur in Ver­bin­dung mit dem Sound entwickelte.

Dem neu­en Sound der neu­en Stun­de – Techno.

Die­se Musik, die man vor­her so nicht gekannt hat­te. Die man noch nicht so recht ver­stand. Die man mit dem Kopf auch nicht wirk­lich ver­ste­hen muss­te, weil ihre Wir­kung so oder so ent­stand. Die­se Musik, deren per­for­ma­ti­ve Wirk­macht bis heu­te nichts an Inten­si­tät ver­lo­ren hat. Mit die­ser ihr inne­woh­nen­den Fähig­keit, aus end­los schei­nen­der Repe­ti­ti­on und der schie­ren Wucht ihrer Laut­stär­ke bei ihrer Zuhö­rer­schaft einen Zustand zu schaf­fen irgend­wo zwi­schen Eksta­se und Medi­ta­ti­on, zwi­schen völ­li­ger Ent­hemmt­heit und abso­lu­ter inne­rer Ruhe. Und das mit nicht viel mehr als einer Bass­drum, ein paar High-Hats und einer Snare.

Die­se Magie ein­zu­fan­gen, in den Moment zu ban­nen, und sie über eine gan­ze Nacht zu zie­hen, das haben seit­her schon vie­le geschafft. Aber dort in der Kul­tur­sta­ti­on, das war einer der Orte, wo es mit ange­fan­gen hat. In einer klei­nen Bara­cke in Ober­föh­ring, mit nicht viel mehr aus­ge­stat­tet als einem Mixer, zwei Plat­ten­spie­lern, ´ner wuch­ti­gen PA, einer Nebel­ma­schi­ne und ein paar Stro­bos. Und ganz ehr­lich – was braucht es auch groß­ar­tig mehr?

[Fort­set­zung folgt…]